Ein kleines Mädchen wird vom Mörder ihrer Eltern mitgenommen, weil der selbst keine Kinder zeugen kann. Er wird nicht der Einzige bleiben, der Sina mitnimmt und sie so durch ein karges, hoffnungsloses Leben schickt. Arnon Grünbergs Roman heißt denn in der deutschen Ausgabe auch Mitgenommen, obwohl der holländische Titel Onze Oom (Unser Onkel) der dunklen Rätselhaftigkeit dieses Buches besser entspricht. Wir befinden uns irgendwo in Lateinamerika, in einem langen Bürgerkrieg. Wer hier wofür steht, außer für die eigene Trostlosigkeit, Ohnmacht oder Einsamkeit, bleibt unklar. So unklar wie der »Onkel«. Ist er der sorgende, aber auch strafende Staat, wie für jenen Major, dessen Trupp Sinas Eltern tötet? Ist der Geist des Onkels überall und alles durchwirkend – wie für die todgeweihten Soldaten auf ihrer alptraumhaften Fahrt ins Rebellengebiet? Oder ist er bloß eine Totempuppe? Arnon Grünberg, Jahrgang 1971, ist der zur Zeit wichtigste holländische Autor seiner Generation. Über seinen Magischen Realismus, dem er jede Hoffnung austreibt, spricht Grünberg mit der NDR-Autorin Ariane Wälzer.
Atlas der Literaturen